Warten auf ein besseres Leben

Abwarten und Tee trinken: So sieht der Alltag vieler Flüchtlinge aus, die aus ihren zerstörten Heimatländern nach Europa gekommen sind. In Freiburg versucht eine engagierte Initiative, den Menschen das Leben zwischen Hoffen und Bangen so erträglich wie möglich zu machen.

30.03.2016  –  Einfach ist es nicht, sich einen Weg über den Bolzplatz aus Beton zu bahnen, ohne in die Schusslinie zu geraten. Mehr als ein Dutzend Kinder und Jugendliche jagen dem runden Leder hinterher; mal wird das Tor getroffen, mal der Kopf eines Familienvaters, der am Spielfeldrand sitzt. Wer dennoch unbeschadet zu den Partyräumen im Kulturzentrum „Glashaus“ gelangt, den erwartet auch dort eine Menge Trubel: Schüler spielen Tischfußball, ein paar Fünf- und Sechsjährige zielen mit Pfeilen auf eine Dartscheibe. An der Getränketheke schenken ehrenamtliche Helferinnen Kaffee und Tee aus. Es riecht nach frisch gebackenem Kuchen. „Musst du heute arbeiten?“, ruft ein Mädchen neugierig über die Theke. Gemeint ist die gut gelaunte Frau, auf deren Namensschild „Maria“ steht. „Nein, ich muss nicht – ich will arbeiten!“, betont Maria lachend.

Es ist laut, und es gibt viel zu tun. Immerhin sind an diesem Vorfrühlingstag im März mehr als hundert Menschen in den Freiburger Stadtteil Rieselfeld gekommen. Vom Kleinkind bis zum Mittfünfziger sind fast alle Generationen vertreten, und abgesehen von ein paar Alteingesessenen haben die Leute eine lange Reise hinter sich. Sie stammen aus den Krisenregionen Syriens, aus dem Irak und Afghanistan – gestrandet im südbadischen Freiburg, aber noch nicht wirklich angekommen. Denn als vorläufiges Zuhause dienen zwei große Zelthallen im nahe gelegenen Naturerlebnispark Mundenhof. 300 Flüchtlinge sind dort untergebracht, Privatsphäre gibt es kaum.

Ein Zeichen setzen, dass Flüchtlinge willkommen sind

Einer der Zeltbewohner ist Issa Gaznawi. Er wirft einen strengen Blick in Richtung Kicker-Tisch. Die Kinder könnten ruhig etwas leiser sein, findet er, denn er will seine Geschichte erzählen. Gemeinsam mit seiner Frau und den sechs Kindern floh er im Sommer 2015 aus seiner Heimatstadt Ghazni im Osten Afghanistans. „Fünfundvierzig Tage waren wir unterwegs, teilweise mit dem Bus, aber oft sind wir zu Fuß gelaufen“, erzählt der ernste Mann mit den kurzen, schwarzgrauen Haaren. „Tagsüber war es unerträglich heiß, in der Türkei mussten wir vierzehn Stunden lang durchs Gebirge marschieren“, schildert Gaznawi die Entbehrungen während der Flucht. Auf der Überfahrt nach Griechenland sei das Boot beinahe gesunken, doch besonders schockiert hätten ihn die Zustände im Flüchtlingslager in Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos: „Wir baten die Polizeibeamten um Hilfe, aber sie haben nichts getan.“

Im „Glashaus“ versucht man, den Menschen ein paar Stunden lang ein Stück Normalität zu bieten, ein bisschen Spaß und geselliges Beisammensein. Damit das lange Warten darauf, dass der Asylantrag bewilligt wird, für einen kurzen Augenblick unterbrochen wird. „Wir haben hier ein sehr niedrigschwelliges Angebot“, erzählt Ulrich Plessner von der Flüchtlings-Initiative DIEFI, die sich um die Integration von Flüchtlingen im Freiburger Westen kümmert. „Und es funktioniert, denn beim Billard- und Fußballspielen überwinden die Leute schnell ihre Verständigungsprobleme.“ 2014 kam der Gymnasiallehrer gemeinsam mit ein paar Mitstreitern auf die Idee, Flüchtlinge zu unterstützen. „Wir wollten ein Zeichen setzen, dass geflüchtete Menschen bei uns willkommen sind“, erinnert sich Plessner nicht ohne Stolz. Dass ein Jahr später noch viel mehr Menschen ihre Heimat in Richtung Deutschland verlassen würden, konnte er zu dem Zeitpunkt kaum ahnen.

Inzwischen leben in der 220.000-Einwohner-Stadt mehr als 4000 Flüchtlinge, viele stammen aus Syrien und Afghanistan. Die meisten sind in Wohnheimen und Notunterkünften untergebracht – eine Situation, mit der man sich nicht zufriedengeben will, wie Antje Reinhard erklärt, die im städtischen Büro für Migration und Integration die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe organisiert: „Wir haben ein Wohnungsproblem, daher bleiben die Leute zu lange in den Notunterkünften.“ Die Flüchtlinge in ihren ursprünglichen Berufen unterzubringen sei die andere große Herausforderung, so Reinhard. „Die Vermittlung von Sprachkursen klappt aber inzwischen ganz gut.“

Bereichernde Begegnungen

Die interkulturellen Treffen im Rieselfeld seien eine spontane Idee gewesen, berichtet Simone Dunst, eine der wenigen Hauptamtlichen im Projekt. „Innerhalb einer Woche haben wir das auf die Beine gestellt“, erzählt die 27-jährige Sozialarbeiterin, während sie sich auf eine Treppe vor dem improvisierten Fußballfeld setzt. „Uns war vor allem wichtig, dass die Bewohner des Rieselfelds und die Flüchtlinge miteinander in Kontakt kommen.“ Die Isolation in den Zelten sollte wenigstens einmal in der Woche, an den Sonntagnachmittagen, unterbrochen werden. Denn außer Tieren und Natur gibt es auf dem Mundenhof nicht viel Abwechslung. Peter Wilhelm, der bereits zum vierten Mal dabei ist, kommt gerne mit den Leuten ins Gespräch, und wenn die Sprache als Barriere im Weg steht, wird eben Schach gespielt. „Die Begegnungen sind wirklich bereichernd, und auch ich lerne eine ganze Menge“, findet der Psychologe, der als Dozent an der Universität im schweizerischen Fribourg lehrt.

Issa Gaznawi sitzt auf einer Holzbank vor dem Kulturzentrum in der Nachmittagssonne. Die Lachfalten um seine Augen täuschen nicht darüber hinweg, dass er von Sorgen geplagt wird. Gaznawis Familie gehört zur ethnischen Minderheit der Hazara, die in Afghanistan massiv diskriminiert und verfolgt wird; einige Verwandte wurden von Taliban-Kämpfern ermordet. In Freiburg muss er seine Tochter Sara täglich zum Arzt begleiten, denn sie leidet an einer neurologischen Erkrankung. Ansonsten heißt es für die Familie: warten. Bislang erhielten die Gaznawis nicht einmal Gelegenheit, einen Asylantrag zu stellen. „Ich weiß nicht, wie lange das noch dauern soll“, empört sich der 50-Jährige. „Eine Woche, einen Monat, ein Jahr?“ Die deutsche Regierung, findet er, habe sein Land aus den Augen verloren. Ständig sei Syrien in den Schlagzeilen, während in Afghanistan bereits seit vierzig Jahren Krieg herrsche. „Ich hatte zuhause ein gutes Leben, habe im Büro des Gouverneurs von Ghazni gearbeitet, hatte ein Haus und ein Auto.“ Eine Zukunft in seiner Heimat? Nein, die könne er sich beim besten Willen nicht vorstellen, sagt er kopfschüttelnd. „Ich kann nicht mehr zurück, es ist dort viel zu gefährlich für uns.“

„Alles ist anders hier, alles!“

Auch Omran hat seinem Land den Rücken gekehrt. „Die Situation in Afghanistan ist nicht gut“, bemerkt der 16-Jährige knapp. Seinen dunklen, aufmerksamen Augen ist anzumerken, dass er sich auf die Fragen des Reporters konzentriert, und er gibt gerne Auskunft. Über seine genauen Fluchtgründe möchte er allerdings nicht sprechen. Als er gefragt wird, woran er sich in Deutschland am ehesten gewöhnen müsse, überlegt er kurz und muss dann lachen: „Alles ist anders hier, alles!“ Omran floh im Dezember 2015 aus Kabul und kam über Heidelberg nach Freiburg.

Die Sonne steht tief am Himmel, der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. Die ersten Familien brechen wieder auf zum Mundenhof, zu den Zelten. Wie ihr Leben in einem Jahr aussehen wird, ist völlig ungewiss. Im April werden die Zelte abgebaut. Die Stadt hat den ersten Bewohnern bereits eine neue Unterkunft zugewiesen.

 

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