Labour-Linker Corbyn begeistert hunderte Anhänger in London

Jeremy Corbyn, überzeugter Sozialist und Gegner der Monarchie, ist der überraschende Favorit im Rennen um den Vorsitz der britischen Labour-Partei. Im Rathaus von Ealing im Westen Londons präsentierte er seine politischen Vorstellungen über die Zukunft der Partei – 400 Menschen hatten sich angemeldet, weitaus mehr waren gekommen.

18.08.2015  –  Jeremy Corbyn hat große Chancen, im September den Vorsitz der britischen Labour-Partei zu erlangen. Der bekennende Sozialist sprach gestern Abend im Rathaus von Ealing im Westen Londons vor rund 400 begeisterten Menschen, um seine Zukunftsvision für Labour zu präsentieren. Die Parlamentswahlen im vergangenen Mai habe die Partei deshalb verloren, weil sie als Alternative zu den regierenden Konservativen lediglich eine „Sparpolitik light“ angeboten habe: „Hätte man uns ins Amt gewählt, würden die Ärmsten in unserer Gesellschaft jetzt immer noch leiden“, sagte Corbyn, der in fast allen Meinungsumfragen weit vor seinen drei Herausforderern liegt.

Der seit 1983 für den Londoner Wahlkreis Nord-Islington im Unterhaus sitzende Abgeordnete kritisierte, Großbritannien habe aus der Finanzkrise nicht gelernt: „Wir überlassen die Banken genau denjenigen Leuten, die 2008 den Crash verursacht haben.“ Der Bevölkerung würden dabei immer weitere Sparmaßnahmen aufgebürdet, die Schwächsten im Land hätten am meisten darunter zu leiden. Die Alternative: „Ein Wirtschaftssystem, das allen Menschen dient.“

Corbyn verurteilte die momentan in der britischen Gesellschaft vorherrschende negative Stimmung, die sich gegen ethnische Minderheiten und Flüchtlinge ebenso richtet wie gegen vermeintliche „Sozialschmarotzer“. Eindringlich warnte er zudem vor der voranschreitenden Privatisierung des staatlichen Gesundheitsdienstes und plädierte dafür, Arbeits- und Ausbildungsplätze im produzierenden Gewerbe stärker zu fördern: „In Ländern wie Deutschland wird das als ganz normal erachtet, während man bei uns diesen Ansatz für linksradikal und gefährlich hält“, sagte Corbyn. Vehement sprach er sich für die Abschaffung von Studiengebühren aus, die seine eigene Partei 1999 erstmals eingeführt hatte – eine Politik, die er von Anfang an abgelehnt hatte: „Zehntausende können sich keine universitäre Ausbildung leisten, aber davon spricht nie jemand.“

Seine Kritik richtet sich vor allem an New Labour unter Ex-Premierminister Tony Blair, der zwar Wahlen gewonnen, aber einen erheblichen Teil der linken Kernwählerschaft verprellt hat. Der frische Wind, der nun durch die Kandidatur Corbyns weht, spricht viele Gewerkschafts- und ehemalige Parteimitglieder an – auch in Ealing. Zahlreiche Interessierte mussten vor dem Gebäude ausharren, da die Veranstaltung restlos ausgebucht war; allerdings sprach Corbyn, bevor er das Rathaus betrat, spontan auch vor ihnen. Viele junge Leute waren gekommen, Studenten und Familienväter ebenso wie ältere Menschen.

Eine pensionierte Gewerkschaftsaktivistin, die anonym bleiben wollte, brachte die Stimmung auf den Punkt: „Corbyn sagt, was er denkt, das machen die anderen Politiker schon lange nicht mehr.“ Sie vermisse eine demokratische Debatte innerhalb der Partei und sei daher begeistert von der Authentizität des 66-Jährigen. Vor langer Zeit sei sie einmal Labour-Mitglied gewesen, dann aus Enttäuschung ausgetreten – falls Corbyn gewinnt, will sie wieder mitmachen.

 

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