Wiederbelebung im Takt von “Yellow Submarine“

Im Studierenden-Trainings-Zentrum verbessern angehende Mediziner ihre Fertigkeiten / Spende des Fördervereins Alumni.

„Das waren die Zähne, ich habe es knacken gehört“, ruft Sabine Diwo. Kurz darauf folgt die Anweisung: „Nicht hebeln!“ Thomas Bannwarth, Medizinstudent im siebten Semester, wirkt verunsichert: Eigentlich wollte er nur die Luftröhre seines Patienten ausfindig machen und ihm nicht mit dem dafür vorgesehenen Laryngoskop die Zähne aushebeln. Doch der Patient beschwert sich nicht, sondern lässt die Tortur der Intubation stoisch über sich ergehen. Schließlich handelt es sich bei ihm nicht um einen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern um einen Thoraxtorso aus Kunststoff. Ohne Stress und vor allem ohne Gefahr für Patienten können Medizinstudierende ihre praktischen Fertigkeiten im Studitz, dem Studierenden-Trainings-Zentrum der Universität, trainieren. Eine Spende des Fördervereins Alumni Freiburg, der Forschung und Lehre an der Freiburger Universität unterstützt, hat es jetzt möglich gemacht, das Angebot zu erweitern.

Beim zweiten Anlauf gelingt Bannwarth die Handhabung des Laryngoskops schon besser. Anschließend muss er einen kurzen Plastikschlauch, in der Fachsprache Tubus genannt, in die Luftröhre einführen. Sabine Diwo macht unumwunden auf die Fehler ihrer Studierenden aufmerksam, ohne zu tadeln: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Diwo ist Anästhesistin am Freiburger Universitätsklinikum und außerdem die ärztliche Leiterin des Studitz. Seit 2007 verbessern hier angehende Mediziner ihre Fertigkeiten, ohne dass echte Patienten bei der Reanimation einen Rippenbruch erleiden oder mit ein paar Zähnen weniger aus dem Krankenhaus entlassen werden. Davon profitieren nicht nur die Patienten, sondern vor allem die angehenden Ärztinnen und Ärzte: „Die Studierenden lernen bei uns ohne Leistungsdruck“, sagt Sabine Diwo.

Im Anästhesiekurs, der montags zwischen 18 und 20 Uhr stattfindet, üben die Studierenden nicht nur, wie sie einen Patienten intubieren, sondern auch beispielsweise, wie ein Patient mit Herzstillstand reanimiert wird. Während Thomas Bannwarth den Kopf der liebevoll als „Anne“ bezeichneten Reanimationspuppe nach hinten hält, drückt seine Kommilitonin Janine Günther in kurzen Abständen auf das Brustbein, um Annes Herz wieder in Schwung zu bringen.

Der Vorteil des Kurses ist, dass Fehler direkt besprochen und behoben werden können: Der Rhythmus der Herzreanimation dürfe nicht zu langsam ausfallen, mahnt Diwo und erinnert die Studierenden an den Beatles-Song „Yellow Submarine“: „Wenn ihr mit diesem Takt im Hinterkopf reanimiert, habt ihr eine Frequenz von 100 pro Minute und seid schnell genug.“

Sechs ärztlich geleitete Kurse werden im Studitz angeboten: Neben der Anästhesie lernen die Teilnehmer unter anderem, wie eine Wunde richtig genäht wird, was beim Abhören der Lunge zu beachten ist oder wie man mit der Injektionsnadel umgeht. Dank einer Spende des Vereins Alumni Freiburg konnte Ende November das Angebot um ein gebrauchtes Ultraschall-Gerät im Wert von 2000 Euro erweitert werden. Das komme direkt den Studierenden zugute, freut sich Sabine Diwo. Im Abdomenraum steht so seit kurzem eine weitere Liege mit einem Sonographiegerät, damit zwei Teilnehmer mehr als bisher am Ultraschallgerät üben können. Auch das ist schwieriger als gedacht: Eva Becker schiebt den Schallkopf über den mit Ultraschallgel bestrichenen Bauch ihres Kommilitonen. Theoretisch weiß sie, wo sich die Niere befindet. Doch dass Theorie und Praxis zwei grundverschiedene Dinge sein können, wird nun deutlich: „Um ein gutes Bild zu erzielen, müssen Sie den Schallkopf genau senkrecht zum Körper halten“, erklärt Kursleiter Klaus Müller geduldig.

Nicht nur in Freiburg können Medizinstudierende an Gummiarm und Thoraxtorso üben. In Deutschland gibt es inzwischen mehr als 30 solcher „Skills Labs“ genannten Trainingszentren. Finanziert werden die Freiburger Angebote im Studitz durch die Studiengebühren. Zunächst wurden nur Modelle gekauft, dann studentische Tutoren eingestellt. Bald aber stellte sich heraus, dass es mit Koordinatorin und ärztlicher Leitung besser lief – und es entstand die Idee, spezielle Kurse anzubieten. Die Nachfrage, sagt Sabine Diwo, sei enorm: Pro Semester nutzten mehr als 200 Studierende das Angebot. Was nun noch dringend fehle, seien feste Räumlichkeiten. Bisher müssen die Modelle jeden Abend wieder abgebaut werden.

 

Erstmals erschienen in der Badischen Zeitung am 05.01.2011: www.badische-zeitung.de

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