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Von Revolutionären, Zweiflern und Zweckoptimisten

Großbritannien hat sich für den Brexit entschieden – und viele Bürger sind zutiefst verunsichert. Im Sommer 2016 erschütterten Hassverbrechen das einst so weltoffene Einwanderungsland. Wie hat sich die Stimmung unter polnischen Migranten, der größten nationalen Minderheit im Land, seither verändert? Spurensuche in der englischen Provinz, jenseits der Weltmetropole London.


15.02.2017  –  „Die Polen denken immer, sie könnten alles besser als der Rest der Welt.“ Der gesprächige Typ, der sein Auto durch die Straßen von Peterborough lenkt, trägt Brille, Dreitagebart und eine schwarz-weiße Strickmütze. Ohne die erste Frage abzuwarten, legt er los – und teilt erstmal kräftig aus: „Wenn Sie sich hier umsehen, werden Sie feststellen, dass es kaum polnische Restaurants gibt. Die machen fast alle nach einer Weile wieder dicht.“ Warum? Es komme einfach zu wenig Kundschaft. Nicht etwa, weil die Leute sich das Essengehen nicht leisten könnten, sondern weil sie den Restaurantbesitzern mit ihrem Besuch nicht zum Erfolg verhelfen wollten. Blanker Neid. „Merken Sie sich meine Worte: die Polen stehen nie füreinander ein!“

Peterborough – eine Provinzstadt im Osten Englands, 50 Kilometer nördlich von Cambridge. Das englische Wetter wird seinem schlechten Ruf mehr als gerecht an diesem kalten, ungemütlichen Januarmorgen: der Himmel ähnelt einem Stapel nassgrauer Handtücher. Der Mann hinterm Steuer, der mit seiner Meinung über die in England lebenden Polen nicht hinterm Berg hält, heißt Piotr Budakiewicz und stammt selbst aus Polen. 2005, kurz nach der EU-Osterweiterung, brach er in Wrocław seine Zelte ab und zog auf die Insel. Eine bewusste Entscheidung, wie er betont: „Ich liebe Land und Leute, die Menschen hier sind nicht so anstrengend wie die Deutschen oder die Polen, sondern entspannt – das passt zu mir.“ Der 39-Jährige lebt mit seiner Frau und dem sechsjährigen Sohn in einem Backsteinhaus im Stadtteil Fletton. Viele Italiener wohnen hier, aber in den letzten Jahren haben sich Osteuropäer dazugesellt, insbesondere aus Polen. Im Vorbeifahren zeigt Budakiewicz auf sauber-akkurate Einfamilienhäuser mit großzügigen Rasenflächen: „Hier wohnt eine polnische Familie, daneben in den beiden Häusern ebenfalls. Und direkt neben uns auch.“

Übergriffe gegen Einwanderer – und ermutigende E-Mails

Budakiewicz ist einer von rund 800.000 Polen, die im Vereinigten Königreich ein neues Zuhause gefunden haben. Seit dem Beitritt seines Landes zur Europäischen Union – und dem damit eng verbundenen Zustrom polnischer Einwanderer nach Großbritannien – hat sich die Zahl der auf der Insel lebenden polnischen Staatsbürger mehr als verzehnfacht; inzwischen stellen sie die größte nationale Minderheit im Land dar. Das Ergebnis des Brexit-Referendums war für viele von ihnen ein Schock. In den ersten Wochen, nachdem die Briten für einen EU-Austritt votiert hatten, jagte eine alarmierende Schlagzeile die nächste: Von einer starken Zunahme an fremdenfeindlich motivierten Vorfällen nach dem Referendum war die Rede, von verbalen und körperlichen Übergriffen gegen Einwanderer, sogar in der Weltmetropole London.

Laut Innenministerium, das sich in einer Pressemitteilung auf Zahlen des National Police Chiefs‘ Council beruft, einer Organisation, die die Polizeioperationen im Land koordiniert, waren rassistisch motivierte Straftaten im Juli 2016 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 41 Prozent angestiegen. Die Gewalt- und Hasswelle hatte allerdings bereits eine Woche vor der Abstimmung einen traurigen Höhepunkt erreicht, als die Labour-Abgeordnete Jo Cox in ihrem Wahlbezirk in Yorkshire brutal niedergestochen und anschließend erschossen wurde. Sie musste sterben, weil sie sich für eine multikulturelle Gesellschaft und einen Verbleib ihres Landes in der EU eingesetzt hatte. Der Täter: ein Mann mit Verbindungen zu rechtsextremen Gruppierungen.

Wie fühlt sich das an, ein halbes Jahr nach dem Brexit-Schock als Pole in England zu leben? Haben sich die Wogen inzwischen geglättet, oder gibt es Leute, die nach wie vor Angst vor rassistischen Anfeindungen haben? Gibt es überhaupt noch eine echte Willkommenskultur in dem einst so offenen Einwanderungsland?

Piotr Budakiewicz versteht die Aufregung nicht. Seiner Zukunft sieht er entspannt und voller Zuversicht entgegen, die Berichte über Hassverbrechen findet er übertrieben. Während im Esszimmer zwei Wellensittiche um die Wette zwitschern, erklärt der gelernte Pädagoge bei einer Tasse Tee, warum er sich keine Sorgen macht: Peterborough habe kein Rassismus-Problem. Im Ort hätten sich viele polnische Supermärkte etabliert, zur Kundschaft gehörten nicht nur Polen, sondern auch Engländer. „Gäbe es bei uns Rassismus, dann würden die Leute die Schaufensterscheiben einschlagen, anstatt dort einkaufen zu gehen. Niemand hat mich je aufgefordert, in mein Land zurückzukehren.“ Im Gegenteil: Am Morgen nach der Brexit-Abstimmung habe er ein volles E-Mail-Postfach vorgefunden, mit mindestens 30 aufmunternden Botschaften: „Diese Leute haben sich persönlich bei mir entschuldigt, weil sie sich für das Ergebnis schämen. Die Briten sind gute Menschen. Wäre es anders, würde ich hier nicht leben.“ Wie komme man überhaupt auf die Idee, dass Einwanderer nicht willkommen sind, „bei 22.000 Polen im Ort“?

Ganz so viele sind es zwar nicht. Doch immerhin leben aktuell rund 15.000 Menschen aus ganz Osteuropa in Peterborough. Die 190.000-Einwohner-Stadt wächst überproportional schnell – was vor allem auf den starken Zustrom von Migranten aus den neuen EU-Ländern zurückzuführen ist. Insbesondere die erste Einwanderungswelle, direkt nach der Osterweiterung, stieß jedoch nicht auf ungeteilte Zustimmung. In einer umfassenden Studie beschreibt Jon Burnett vom Londoner Institute of Race Relations, wie das soziale Gefüge der Stadt ins Wanken geriet, als immer mehr Einwanderer zur Zielscheibe von rassistischer Gewalt wurden. 2009 verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Zelte obdachloser Migranten, laut Burnett „der Höhepunkt einer permanenten Hasskampagne“, geschürt durch Lokalpolitiker und die Boulevardpresse. Dass niemand verletzt wurde, sei einzig dem schnellen Eingreifen der Feuerwehr zu verdanken gewesen.

Stimmungswandel lange vor dem Referendum

„Mir ist egal, ob du weiß, gelb oder grün aussiehst – du bist ein Mensch.“ Mira strahlt bis über beide Ohren, als sie das sagt. Das Café in der Notaufnahme im Princess Alexandra Hospital in Harlow ist gut besucht; gegen das Geschirrgeklapper und das Stimmengewirr der Gäste anzukommen, ist gar nicht so einfach. Die Frau mit dem silbernen Zungen-Piercing und dem pechschwarzen Schlabberlook heißt eigentlich Miroslawa Gust-Majdzinska, doch alle nennen sie Mira. Vielleicht hätte sie einen gemütlicheren Ort für ein Interview ausgewählt, wäre ihre Mutter nicht am Tag zuvor ins Krankenhaus eingeliefert worden: Nierenversagen. Kein Grund jedoch, das Gespräch abzusagen. Dass Gust-Majdzinska empört ist über die jüngsten Ereignisse in Großbritannien, ist ihr anzumerken. Den Stimmungswandel in der Bevölkerung habe man allerdings schon lange vorher spüren können, meint die 30-Jährige, die nach dem Referendum mit ein paar Mitstreitern eine Beratungsstelle für Opfer rassistischer Gewalt gegründet hat. Aus Liebe zu ihrem polnischen Ehemann siedelte sie 2005 von Lodz nach Harlow über – ein großer Schritt; eigentlich wollte sie zurückkehren. Zu viel Heimweh. Dann blieb sie doch. „Ich habe mich in den Ort verliebt, die Menschen haben immer ein Lächeln für dich übrig.“

Seit der Finanzkrise habe sich das Land aber verändert. „Immer weniger Leute kommen über die Runden, und die Politiker schieben den Einwanderern für alles die Schuld in die Schuhe.“ Vor ein paar Jahren habe jemand versucht, ihr Haus anzuzünden, und selbst Nachbarn schreckten nicht vor Drohungen zurück: „Ein Mann, nur fünf Häuser von uns entfernt, kam rüber und schrie, Verpisst euch und geht zurück in euer Land!“ Nur selten würden solche Vorfälle gemeldet. Vertrauen in die Polizei sei in der Migranten-Community kaum vorhanden. Auf der Polizeistation habe man ihr geraten, den Fall ruhen zu lassen, das werde sich schon alles wieder legen.

Gust-Majdzinska spricht Englisch mit starkem Akzent, doch sie kann sich verständigen, mit Engländern ebenso wie mit allen anderen. Sie pflegt Kontakte zur polnischen Kirchengemeinde, zu anderen politischen Aktivisten, zu Radiojournalisten. („Ich bin eine wandelnde Bibliothek“, sagt sie lachend.) Mit ihrer offenen Art ist Gust-Majdzinska nicht unbedingt repräsentativ für alle polnischen Einwanderer, wie sie selbst zu bedenken gibt: „Manchmal sind im Ausland lebende Polen nicht besonders weltoffen. Viele sprechen kein Englisch, kaufen ihre Lebensmittel ausschließlich in polnischen Supermärkten und haben nur polnische Freunde.“ Sie dagegen findet, jeder, der in Großbritannien lebt, solle sich bemühen, die englische Sprache zu lernen.

Musste Jóźwik sterben, weil er Pole war?

Harlow in der Grafschaft Essex ist einer von vielen Orten, in denen sich eine klare Mehrheit für einen EU-Austritt Großbritanniens ausgesprochen hat: 68 Prozent der Wählerinnen und Wähler stimmten für „Leave“. (Zum Vergleich: Landesweit hatten sich 52 Prozent für einen Austritt entschieden, bei einer Wahlbeteiligung von rund 72 Prozent.) Mit seinen 80.000 Einwohnern ist Harlow eine der größten Vorstädte Londons. In England nennt man diese Planstädte New Towns, entworfen auf dem Reißbrett in der Nachkriegszeit. In der belebten Fußgängerzone, die gesäumt ist von Schnellrestaurants, Wettbüros und Nagelstudios, dominiert die graue, funktionalistische Architektur der fünfziger Jahre. Die Straßen heißen E Gate oder Post Office Walk – von Mittelalter und viktorianischem Erbe keine Spur. Auf dem zentralen Platz stehen ein paar Jahrmarktbuden; im kulinarischen Angebot: „German Bratwurst“. Ein buntes Riesenrad dreht sich unaufhörlich, aus der Musikbox dröhnt „An der schönen blauen Donau“, gefolgt vom Queen-Klassiker „We will rock you“.

Die ersten Wochen nach dem Referendum waren bereits Geschichte, als an einem der letzten Augusttage der Fabrikarbeiter Arkadiusz Jóźwik in Harlow von einem jugendlichen Mob angegriffen und zu Tode geprügelt wurde. Nachdem die Polizei bekannt gegeben hatte, sie ermittle in alle Richtungen und schließe auch Rassismus als Tatmotiv nicht aus, war für zahlreiche Zeitungen der Fall bereits klar: Jóźwik musste sterben, weil er Pole war. Allerdings geht die britische Staatsanwaltschaft inzwischen nicht mehr von einem Hassverbrechen aus. Ein 15-Jähriger sitzt momentan wegen Totschlags auf der Anklagebank.

Im Lesesaal der Stadtbibliothek sitzt Adam Cochrane und regt sich auf, wie sich nur ein Engländer aufregen kann: er bleibt ruhig. Stoisch beantwortet er die Fragen, einzig seiner Wortwahl ist anzumerken, was ihn im Innersten bewegt: „Unfassbar“ sei es, was sich im Sommer zugetragen habe. Die berüchtigte Boulevardzeitung The Sun, die regelmäßig mit rassistischen Überschriften ihre Auflage zu steigern versucht, habe auf der Titelseite behauptet, Jóźwik sei einem rassistischen Mord zum Opfer gefallen. „Die Berichterstattung war vollkommen unverantwortlich“, flüstert Cochrane, und es ist nicht ganz klar, ob er immer so leise spricht oder nur aus Rücksicht auf die Bibliotheksbesucher. „Die haben einfach beschlossen, dass Brexit mit Rassismus zu tun hat, und wenn man so über das Thema berichtet, führt das natürlich dazu, dass sich Einwanderer noch weniger willkommen fühlen als ohnehin schon.“

Krokodilstränen und andere Heucheleien

Cochrane ist eigentlich Rechtsanwalt, nimmt jedoch eine Auszeit. Langweilig wird dem 34-Jährigen allerdings nicht, denn er ist Vollzeit-Aktivist für die Initiative Stand Up to Racism, „leider unbezahlt“. Sicherlich, die Hassverbrechen in Essex hätten zugenommen, räumt er ein, jedoch nicht erst seit dem Brexit-Votum, und in Harlow sei die Rate bestimmt nicht höher als anderswo im Land. Was ihn am meisten in Rage bringt, ist Heuchelei – auch bei denjenigen, die plötzlich nach dem 23. Juni festgestellt hätten, dass es in England Rassismus gibt: „Das widert mich schon ein bisschen an. Unsere Gruppe ist eine echte Antirassismus-Kampagne und nicht eine, die sich erst seit dem Referendum für das Thema interessiert.“

Oder seit dem „Vorfall“, wie er die Tötung von Arkadiusz Jóźwik nennt. Im Juli habe man eine Demonstration durchs Stadtzentrum organisiert, für mehr Weltoffenheit. Die Medien hätten die Veranstaltung weitgehend ignoriert, klagt er; selbst die Lokalpresse habe kaum darüber berichtet. Erst nach dem Aufsehen erregenden Verbrechen an Jóźwik sei Harlow in den Fokus der Öffentlichkeit geraten: „Wir haben eine Mahnwache gehalten, und das war wirklich unfassbar!“ Er muss lachen, fast so, als ob er es selbst nicht glauben kann. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele Journalisten gesehen. Plötzlich wollten alle berichten.“

Auf den Tory-Politiker Robert Halfon, den Parlamentsabgeordneten für Harlow, ist Cochrane nicht gut zu sprechen. Weil der zwei Gesichter habe. Im Wahlkampf mache er regelmäßig Stimmung gegen Einwanderer, und bei einer Abstimmung im Parlament habe er gegen den Schutz der Rechte für EU-Migranten gestimmt. In Fernsehinterviews dagegen habe er plötzlich „Krokodilstränen geweint wegen des angeblich rassistischen Vorfalls in Harlow.“ Auf die Frage, ob er optimistisch sei, was den Zusammenhalt der Gesellschaft angeht, antwortet Cochrane trocken: „Ich bin ein Revolutionär und daher immer optimistisch.“ Die eigentliche Krise sei ohnehin der Neoliberalismus. „Menschen wachen nicht einfach morgens als Rassisten auf, so einfach ist es nicht.“

„Der Brexit sorgt für Klarheit“

Zurück in Peterborough. Monika Budakiewicz kommt von der Arbeit nach Hause, sie wirkt unaufdringlich und herzlich zugleich. Die Verunsicherung sei groß, sagt sie: „Ich glaube, die Polen haben Angst, dass sie ihren Job verlieren und raus müssen aus Großbritannien.“ Einige Freunde hätten bereits Konsequenzen gezogen und ihre Koffer gepackt. Und Hassgefühle in der englischen Bevölkerung? Doch, die seien durchaus verbreitet in der Region: „Nicht weit von uns entfernt, in Huntingdon, da war es wohl ziemlich schlimm.“ Wenige Tage nach dem Referendum landeten Hassbotschaften in den Briefkästen polnischer Haushalte: „Raus aus der EU! Kein polnisches Pack mehr!“ war auf den Karten zu lesen. Auf Englisch und Polnisch – man wollte wohl sichergehen, dass die Botschaft bei allen Empfängern gleichermaßen ankommt, ungeachtet der Sprachkenntnisse. Anders als ihr Ehemann wirkt Monika Budakiewicz nachdenklich angesichts der politischen Entwicklungen. Wie es mit dem internationalen Unternehmen weitergeht, in dem sie arbeitet, sollte es zu einem harten Brexit kommen, das wisse niemand so genau.

Piotr dagegen will sich seinen Optimismus nicht nehmen lassen, aller Politik zum Trotz. Er setzt auf Eigeninitiative, von Selbstmitleid hält er nichts. Den Lehrerberuf hat er längst an den Nagel gehängt und sich inzwischen als freischaffender Fotograf etabliert. Nüchtern und schonungslos pragmatisch zieht er seine eigenen Schlüsse aus dem Brexit-Dilemma: „Ich glaube, dass das Referendum bei den Einwanderern für mehr Klarheit sorgt. Diejenigen, die bleiben wollen, die sich in die Gesellschaft integrieren und hier ihre Zukunft sehen, sollen bleiben.“ Die anderen, die „nur wegen der Sozialleistungen“ gekommen seien, die könne das Land nach dem Votum ruhig „loswerden“. Macht er sich denn gar keine Gedanken, wie es weitergeht, falls es zu einem harten Schnitt mit der EU kommen sollte? „So wie ich dieses Land kenne, wird es viel Papierkram zu erledigen geben“, antwortet Budakiewicz lapidar. Seine größte Sorge: dass sein Ein-Mann-Unternehmen steuerliche Nachteile erleiden könnte.

Am Ende kommt er noch kurz auf die britische Boulevardpresse zu sprechen. Das Niveau sei unterirdisch, klagt er. Reißerische Berichterstattung um jeden Preis sei eher die Regel als die Ausnahme. Kurz nach dem Referendum sei er zufällig über den Facebook-Auftritt der Sun gestolpert: „Wenn die eine rassistische Meldung veröffentlichen, dann gefällt das gleich tausend Leuten.“

 

Wiederbelebung im Takt von “Yellow Submarine“

Im Studierenden-Trainings-Zentrum verbessern angehende Mediziner ihre Fertigkeiten / Spende des Fördervereins Alumni.

„Das waren die Zähne, ich habe es knacken gehört“, ruft Sabine Diwo. Kurz darauf folgt die Anweisung: „Nicht hebeln!“ Thomas Bannwarth, Medizinstudent im siebten Semester, wirkt verunsichert: Eigentlich wollte er nur die Luftröhre seines Patienten ausfindig machen und ihm nicht mit dem dafür vorgesehenen Laryngoskop die Zähne aushebeln. Doch der Patient beschwert sich nicht, sondern lässt die Tortur der Intubation stoisch über sich ergehen. Schließlich handelt es sich bei ihm nicht um einen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern um einen Thoraxtorso aus Kunststoff. Ohne Stress und vor allem ohne Gefahr für Patienten können Medizinstudierende ihre praktischen Fertigkeiten im Studitz, dem Studierenden-Trainings-Zentrum der Universität, trainieren. Eine Spende des Fördervereins Alumni Freiburg, der Forschung und Lehre an der Freiburger Universität unterstützt, hat es jetzt möglich gemacht, das Angebot zu erweitern.

Beim zweiten Anlauf gelingt Bannwarth die Handhabung des Laryngoskops schon besser. Anschließend muss er einen kurzen Plastikschlauch, in der Fachsprache Tubus genannt, in die Luftröhre einführen. Sabine Diwo macht unumwunden auf die Fehler ihrer Studierenden aufmerksam, ohne zu tadeln: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Diwo ist Anästhesistin am Freiburger Universitätsklinikum und außerdem die ärztliche Leiterin des Studitz. Seit 2007 verbessern hier angehende Mediziner ihre Fertigkeiten, ohne dass echte Patienten bei der Reanimation einen Rippenbruch erleiden oder mit ein paar Zähnen weniger aus dem Krankenhaus entlassen werden. Davon profitieren nicht nur die Patienten, sondern vor allem die angehenden Ärztinnen und Ärzte: „Die Studierenden lernen bei uns ohne Leistungsdruck“, sagt Sabine Diwo.

Im Anästhesiekurs, der montags zwischen 18 und 20 Uhr stattfindet, üben die Studierenden nicht nur, wie sie einen Patienten intubieren, sondern auch beispielsweise, wie ein Patient mit Herzstillstand reanimiert wird. Während Thomas Bannwarth den Kopf der liebevoll als „Anne“ bezeichneten Reanimationspuppe nach hinten hält, drückt seine Kommilitonin Janine Günther in kurzen Abständen auf das Brustbein, um Annes Herz wieder in Schwung zu bringen.

Der Vorteil des Kurses ist, dass Fehler direkt besprochen und behoben werden können: Der Rhythmus der Herzreanimation dürfe nicht zu langsam ausfallen, mahnt Diwo und erinnert die Studierenden an den Beatles-Song „Yellow Submarine“: „Wenn ihr mit diesem Takt im Hinterkopf reanimiert, habt ihr eine Frequenz von 100 pro Minute und seid schnell genug.“

Sechs ärztlich geleitete Kurse werden im Studitz angeboten: Neben der Anästhesie lernen die Teilnehmer unter anderem, wie eine Wunde richtig genäht wird, was beim Abhören der Lunge zu beachten ist oder wie man mit der Injektionsnadel umgeht. Dank einer Spende des Vereins Alumni Freiburg konnte Ende November das Angebot um ein gebrauchtes Ultraschall-Gerät im Wert von 2000 Euro erweitert werden. Das komme direkt den Studierenden zugute, freut sich Sabine Diwo. Im Abdomenraum steht so seit kurzem eine weitere Liege mit einem Sonographiegerät, damit zwei Teilnehmer mehr als bisher am Ultraschallgerät üben können. Auch das ist schwieriger als gedacht: Eva Becker schiebt den Schallkopf über den mit Ultraschallgel bestrichenen Bauch ihres Kommilitonen. Theoretisch weiß sie, wo sich die Niere befindet. Doch dass Theorie und Praxis zwei grundverschiedene Dinge sein können, wird nun deutlich: „Um ein gutes Bild zu erzielen, müssen Sie den Schallkopf genau senkrecht zum Körper halten“, erklärt Kursleiter Klaus Müller geduldig.

Nicht nur in Freiburg können Medizinstudierende an Gummiarm und Thoraxtorso üben. In Deutschland gibt es inzwischen mehr als 30 solcher „Skills Labs“ genannten Trainingszentren. Finanziert werden die Freiburger Angebote im Studitz durch die Studiengebühren. Zunächst wurden nur Modelle gekauft, dann studentische Tutoren eingestellt. Bald aber stellte sich heraus, dass es mit Koordinatorin und ärztlicher Leitung besser lief – und es entstand die Idee, spezielle Kurse anzubieten. Die Nachfrage, sagt Sabine Diwo, sei enorm: Pro Semester nutzten mehr als 200 Studierende das Angebot. Was nun noch dringend fehle, seien feste Räumlichkeiten. Bisher müssen die Modelle jeden Abend wieder abgebaut werden.

 

Erstmals erschienen in der Badischen Zeitung am 05.01.2011: www.badische-zeitung.de

Moderne Kunst in der Autowerkstatt

„Invasion“ Kulturfestival bringt zeitgenössische Kunst in den Stadtteil Haslach. Der Besucherandrang könnte stärker sein.

Ein tätowierter Mann sticht sich lustvoll eine dicke Metallnadel durch die Wangen: Dieses durchaus gewöhnungsbedürftige Motiv ist Teil einer Fotoausstellung in der Pretty Wall Gallery. Die Bilder zeigen so genannte Körperkunst, auch „Bodyperformance“ genannt, und werden derzeit im Rahmen des Invasion Kulturfestival in der Haslacher Straße ausgestellt. Negative Reaktionen auf die Bilder habe es kaum gegeben, sagt Festivalveranstalter Wolfgang Schuler. Nur Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach, der am Eröffnungsabend eine Rede hielt, habe die Fotos „heftig“ gefunden – jedoch eingeräumt, dass sie dennoch „interessant“ seien.

„Die Pretty Wall Gallery dient meist als Atelier, ab und zu organisieren wir hier auch Ausstellungen“, erzählt Harry Gehring, einer der beiden Inhaber der Galerie. Nebenan frisiert Diplomingenieur Christian Vogt alte VW-Busse und -Käfer. Dass zum Festival auch großformatige neonfarbene Bilder des Künstlers Index an den Wänden seiner Edel-Werkstatt hängen, stört ihn nicht. Kontrast ist bei Invasion Programm. Auch beim Essen: Die Besucher können unter anderem zwischen dem bodenständigen Hamburger und der feinen Garnelenpfanne wählen. Sven Galvez, der auf dem Galeriegelände für die Gastronomie zuständig ist, erklärt das Konzept: „Wir möchten etwas Gehobeneres anbieten, aber zu akzeptablen Preisen.“ Insbesondere mit den Getränkepreisen sei man bewusst nach unten gegangen. Trotzdem ist Galvez enttäuscht: „Wir haben uns viel Mühe gegeben, leider nehmen bisher zu wenig Leute unser Angebot wahr.“

Ein tendenziell positives Zwischenresümee zieht dagegen Wolfgang Schuler: „Das erste Wochenende war insgesamt gut besucht.“ Leider seien jedoch zu wenige Besucher zum Eröffnungstag gekommen. Das daraus entstandene Defizit habe man noch nicht kompensieren können, hoffe aber auf einen Ansturm am Wochenende. Schuler misst Erfolg nicht ausschließlich in Zahlen: „Viele haben sich am Samstag persönlich für die Party und die gute Atmosphäre hier bedankt, das gab es letztes Jahr nicht.“ Insbesondere die Konzerte des Beatboxers „Hanswurst“ und des Dresdner Musikers Konrad Küchenmeister seien ein Publikumsrenner gewesen. Auf ähnlich positive Resonanz hofft Mitveranstalter Christian Opplar für das kommende Wochenende: „Am Samstagnachmittag sollte man sich auf keinen Fall die Bächlesörfer entgehen lassen, das ist Freiburger Mundart-Pop.“

Am Dienstagabend verirren sich nur wenige Menschen aufs Festivalgelände. Erst als auf der Rückwand der Jazz- und Rockschule der Dokumentarfilm „Home“ gezeigt wird, nimmt der Publikumsverkehr ein wenig zu. Die Besucher genießen den Abend bei einem Bier oder einem Cocktail. Obwohl die „Lex Caipi“ der Stadt – ein Ausschankverbot von Cocktails auf öffentlichen Plätzen – nach wie vor Gültigkeit hat, dürfen die Gäste ihren Caipirinha durchaus draußen trinken, nur bestellen müssen sie ihn im Innenbereich. Für so viel Verordnungs-Wirrwarr hat der Barmann nur ein müdes Kopfschütteln übrig: „Das ist gaga, wenn du mich fragst!“

 

Erstmals erschienen in der Badischen Zeitung am 29.07.2010: www.badische-zeitung.de

Inklusion beginnt auf der Tanzfläche

Tanzschule Gutmann und Lebenshilfe veranstalten Gala für Menschen mit und ohne Behinderung.

Unter dem Motto „Tanz inklusive“ hat die Tanzschule Gutmann gemeinsam mit der Lebenshilfe Freiburg am Samstagabend in den Friedrichsbau eingeladen. Die Idee: Eine Tanzgala für Menschen mit und ohne Behinderungen. Ein Wagnis, wie die Veranstalter einräumten – und ein Erfolg, wie der Abend zeigen sollte.

Über den Song „Valerie“ von Mark Ronson und Amy Winehouse freut sich Valerie Mark ganz besonders: „Das ist mein Lieblingslied“, sagt sie mit einem breiten Grinsen, während sie an einem der langen Tische Platz nimmt. Valerie hat schon fleißig getanzt an diesem Abend und braucht eine kleine Verschnaufpause. Sie blickt auf die Tanzfläche, wo sich zahlreiche Gäste gemeinsam am „Quickstep“ üben, einer neuen Foxtrott-Variante. Über ihre Behinderung wolle sie nicht sprechen, sagt die 28-Jährige, die als Moderatorin durch den Abend führt und sichtlich Spaß daran hat.

Im Saal der Tanzschule Gutmann im Friedrichsbau herrscht ausgelassene Stimmung: 150 Menschen – mit und ohne Behinderungen – sind der Einladung der Tanzschule und des Lebenshilfevereins gefolgt und bewegen sich bei der Gala „Tanz inklusive“ zu Disco-Fox, langsamem Walzer und flottem Quickstep. Mit im Programm: Tanzworkshops und eine Kunstauktion. Der Erlös der Bilder wie auch die Einnahmen aus den Eintrittskarten gehen an die Lebenshilfe, die sich seit mehr als 40 Jahren für die Rechte geistig behinderter Menschen und deren Angehöriger einsetzt.

Die Veranstaltung ist eine Premiere für Freiburg. Dass behinderte und nichtbehinderte Menschen gemeinsam feiern, sei alles andere als selbstverständlich, sagt Beatrice Barhofer. Die stellvertretende Vorsitzende der Lebenshilfe weiß, wovon sie spricht, denn sie ist selbst Mutter eines behinderten Sohnes: „Man merkt, dass bei diesem Thema viele Menschen in der Gesellschaft Vorbehalte haben.“ Umso wichtiger, dass die Miteinbeziehung behinderter Menschen in das Alltagsleben, wie in der UN-Behindertenrechtskonvention unter dem Begriff „Inklusion“ gefordert, auch gelebt wird. „Tanz inklusive“, so die Idee, soll einen Beitrag dazu leisten, dass Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderungen kleiner werden.

Ein Stück weit sei das in Freiburg schon angekommen, freut sich Stadträtin Anke Dallmann, die in Vertretung des Oberbürgermeisters gekommen ist: „Das sieht man am Beispiel der Tanzschule Gutmann, die sich als Tanzschule für alle Menschen versteht“, lobt die 29-Jährige, die 2009 als erster Mensch im Rollstuhl in den Freiburger Gemeinderat gewählt wurde. Neu für die Tanzschule ist ein gemeinsamer Abend für alle, nicht das Thema Behinderung selbst: Seit mehr als zehn Jahren bietet Gutmann in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Tanzkurse für Menschen mit Behinderungen an.

Anne Sophie Meyer, bei Gutmann zuständig für Großveranstaltungen, betrachtet die Gala als Experiment. Doch Berührungsängste sind im Friedrichsbau nicht zu spüren: Das Echo, so Meyer, sei durchweg positiv. „Daher überlegen wir, die Gala als feste Größe einmal im Jahr zu etablieren.“ Das dürfte auch Valerie Mark entgegenkommen: „Tanzen ist etwas ganz Schönes“, ruft sie in ihrer Ansprache – und erntet den längsten Applaus des Abends.

 

Erstmals erschienen in der Badischen Zeitung am 06.12.2010: www.badische-zeitung.de

Zwei Familien aus Teheran und Freiburg stehen gemeinsam am Herd

Für die Sendung „In Nachbars Küche“ haben Maryam und Davod Esfahani sowie Ilona und Klaus Pröbstle ein iranisches Mahl zubereitet.

Obwohl mehr als jeder Vierte im „Ländle“ einen Migrationshintergrund hat, leben auch in Baden-Württemberg viele Deutsche und Einwanderer eher neben- als miteinander. Das SWR Fernsehen startete daher im August 2010 die sechsteilige Reihe „In Nachbars Küche“, bei der Einwanderer und Deutsche gemeinsam vor der Kamera internationale Köstlichkeiten zubereiten. Autorin Ina Held will, dass die Menschen in Baden-Württemberg ein wenig neugieriger aufeinander werden – die Alteingesessenen auf die Zugewanderten und umgekehrt: „In der Küche wird doch immer gerne viel geredet, und so erfahren die Zuschauer über das Kochen ganz nebenbei etwas über die Kulturen anderer Länder.“

Mit den Esfahanis ist auch eine Familie aus Freiburg dabei. Für die SWR-Sendung, die am 18. August ausgestrahlt wird, hat die iranischstämmige Familie zusammen mit ihren deutschen Freunden, den Pröbstles, ein persisches Festtagsmenü gezaubert: Hähnchen mit gekochtem Reis und Berberitzen. „Für die persische Küche braucht man viel Zeit, wir waren von morgens bis am späten Nachmittag beschäftigt“, sagt Maryam Esfahani. Die diplomierte Übersetzerin aus Teheran lebt mit ihrem Mann Davod, einem Chirurgiemechaniker, seit 2004 in Freiburg, ihre beiden Kinder sind in Deutschland geboren. Das Menü, das das iranisch-deutsche Team zubereitet, werde „normalerweise nur bei Hochzeiten und großen Festen“ aufgetischt, verrät die 38-Jährige.

Klaus und Ilona Pröbstle, ein pensioniertes Anwaltsehepaar aus Freiburg, sind seit vielen Jahren mit den Esfahanis befreundet. Maryam Esfahani hat Klaus Pröbstle an der Universität getroffen. Da ihr iranisches Übersetzungsdiplom in Deutschland nicht anerkannt wird, studiert sie noch einmal Anglistik und Islamwissenschaften. „Als meine Kinder noch sehr klein waren, habe ich sie zu den Nachmittagsseminaren mitgenommen“, erzählt sie. Da sei auch immer dieser ältere Student gewesen, der bereits eine Karriere als Anwalt hinter sich habe. „Über die Kinder haben wir uns näher kennen gelernt.“ Klaus Pröbstle habe ihr in schwierigen Situationen häufig Unterstützung angeboten: „Er hat mir beim Deutschlernen geholfen und gelegentlich auf die Kinder aufgepasst.“

Beim Kochen vor der Kamera haben die Familien auch über Integration gesprochen. „Ich fühle mich gut hier“, sagt Maryam Esfahani zufrieden. An ihre Heimat Teheran denke sie nicht allzu oft; ein Teil der Familie wohnt ohnehin in Deutschland und ihre Mutter kommt regelmäßig zu Besuch. Vor fünf Jahren sei sie zuletzt im Iran gewesen, bei ihrem Mann Davod, der 1984 als politischer Flüchtling nach Deutschland kam, liege der letzte Besuch schon acht Jahre zurück. „Ich versuche, mich in Deutschland zu integrieren – täte ich das nicht, würde ich die Heimat vielleicht zu sehr vermissen“, gibt Maryam Esfahani zu, die nach ihren Vorlesungen im Internationalen Club des Studentenwerks Kulturabende organisiert.


“In Nachbars Küche … Persische Kochkultur“, am Mittwoch, 18. August um 18.15 Uhr im SWR Fernsehen.

 

Erstmals erschienen in der Badischen Zeitung am 17.08.2010: www.badische-zeitung.de

Warten auf ein besseres Leben

Abwarten und Tee trinken: So sieht der Alltag vieler Flüchtlinge aus, die aus ihren zerstörten Heimatländern nach Europa gekommen sind. In Freiburg versucht eine engagierte Initiative, den Menschen das Leben zwischen Hoffen und Bangen so erträglich wie möglich zu machen.

30.03.2016  –  Einfach ist es nicht, sich einen Weg über den Bolzplatz aus Beton zu bahnen, ohne in die Schusslinie zu geraten. Mehr als ein Dutzend Kinder und Jugendliche jagen dem runden Leder hinterher; mal wird das Tor getroffen, mal der Kopf eines Familienvaters, der am Spielfeldrand sitzt. Wer dennoch unbeschadet zu den Partyräumen im Kulturzentrum „Glashaus“ gelangt, den erwartet auch dort eine Menge Trubel: Schüler spielen Tischfußball, ein paar Fünf- und Sechsjährige zielen mit Pfeilen auf eine Dartscheibe. An der Getränketheke schenken ehrenamtliche Helferinnen Kaffee und Tee aus. Es riecht nach frisch gebackenem Kuchen. „Musst du heute arbeiten?“, ruft ein Mädchen neugierig über die Theke. Gemeint ist die gut gelaunte Frau, auf deren Namensschild „Maria“ steht. „Nein, ich muss nicht – ich will arbeiten!“, betont Maria lachend.

Es ist laut, und es gibt viel zu tun. Immerhin sind an diesem Vorfrühlingstag im März mehr als hundert Menschen in den Freiburger Stadtteil Rieselfeld gekommen. Vom Kleinkind bis zum Mittfünfziger sind fast alle Generationen vertreten, und abgesehen von ein paar Alteingesessenen haben die Leute eine lange Reise hinter sich. Sie stammen aus den Krisenregionen Syriens, aus dem Irak und Afghanistan – gestrandet im südbadischen Freiburg, aber noch nicht wirklich angekommen. Denn als vorläufiges Zuhause dienen zwei große Zelthallen im nahe gelegenen Naturerlebnispark Mundenhof. 300 Flüchtlinge sind dort untergebracht, Privatsphäre gibt es kaum.

Ein Zeichen setzen, dass Flüchtlinge willkommen sind

Einer der Zeltbewohner ist Issa Gaznawi. Er wirft einen strengen Blick in Richtung Kicker-Tisch. Die Kinder könnten ruhig etwas leiser sein, findet er, denn er will seine Geschichte erzählen. Gemeinsam mit seiner Frau und den sechs Kindern floh er im Sommer 2015 aus seiner Heimatstadt Ghazni im Osten Afghanistans. „Fünfundvierzig Tage waren wir unterwegs, teilweise mit dem Bus, aber oft sind wir zu Fuß gelaufen“, erzählt der ernste Mann mit den kurzen, schwarzgrauen Haaren. „Tagsüber war es unerträglich heiß, in der Türkei mussten wir vierzehn Stunden lang durchs Gebirge marschieren“, schildert Gaznawi die Entbehrungen während der Flucht. Auf der Überfahrt nach Griechenland sei das Boot beinahe gesunken, doch besonders schockiert hätten ihn die Zustände im Flüchtlingslager in Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos: „Wir baten die Polizeibeamten um Hilfe, aber sie haben nichts getan.“

Im „Glashaus“ versucht man, den Menschen ein paar Stunden lang ein Stück Normalität zu bieten, ein bisschen Spaß und geselliges Beisammensein. Damit das lange Warten darauf, dass der Asylantrag bewilligt wird, für einen kurzen Augenblick unterbrochen wird. „Wir haben hier ein sehr niedrigschwelliges Angebot“, erzählt Ulrich Plessner von der Flüchtlings-Initiative DIEFI, die sich um die Integration von Flüchtlingen im Freiburger Westen kümmert. „Und es funktioniert, denn beim Billard- und Fußballspielen überwinden die Leute schnell ihre Verständigungsprobleme.“ 2014 kam der Gymnasiallehrer gemeinsam mit ein paar Mitstreitern auf die Idee, Flüchtlinge zu unterstützen. „Wir wollten ein Zeichen setzen, dass geflüchtete Menschen bei uns willkommen sind“, erinnert sich Plessner nicht ohne Stolz. Dass ein Jahr später noch viel mehr Menschen ihre Heimat in Richtung Deutschland verlassen würden, konnte er zu dem Zeitpunkt kaum ahnen.

Inzwischen leben in der 220.000-Einwohner-Stadt mehr als 4000 Flüchtlinge, viele stammen aus Syrien und Afghanistan. Die meisten sind in Wohnheimen und Notunterkünften untergebracht – eine Situation, mit der man sich nicht zufriedengeben will, wie Antje Reinhard erklärt, die im städtischen Büro für Migration und Integration die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe organisiert: „Wir haben ein Wohnungsproblem, daher bleiben die Leute zu lange in den Notunterkünften.“ Die Flüchtlinge in ihren ursprünglichen Berufen unterzubringen sei die andere große Herausforderung, so Reinhard. „Die Vermittlung von Sprachkursen klappt aber inzwischen ganz gut.“

Bereichernde Begegnungen

Die interkulturellen Treffen im Rieselfeld seien eine spontane Idee gewesen, berichtet Simone Dunst, eine der wenigen Hauptamtlichen im Projekt. „Innerhalb einer Woche haben wir das auf die Beine gestellt“, erzählt die 27-jährige Sozialarbeiterin, während sie sich auf eine Treppe vor dem improvisierten Fußballfeld setzt. „Uns war vor allem wichtig, dass die Bewohner des Rieselfelds und die Flüchtlinge miteinander in Kontakt kommen.“ Die Isolation in den Zelten sollte wenigstens einmal in der Woche, an den Sonntagnachmittagen, unterbrochen werden. Denn außer Tieren und Natur gibt es auf dem Mundenhof nicht viel Abwechslung. Peter Wilhelm, der bereits zum vierten Mal dabei ist, kommt gerne mit den Leuten ins Gespräch, und wenn die Sprache als Barriere im Weg steht, wird eben Schach gespielt. „Die Begegnungen sind wirklich bereichernd, und auch ich lerne eine ganze Menge“, findet der Psychologe, der als Dozent an der Universität im schweizerischen Fribourg lehrt.

Issa Gaznawi sitzt auf einer Holzbank vor dem Kulturzentrum in der Nachmittagssonne. Die Lachfalten um seine Augen täuschen nicht darüber hinweg, dass er von Sorgen geplagt wird. Gaznawis Familie gehört zur ethnischen Minderheit der Hazara, die in Afghanistan massiv diskriminiert und verfolgt wird; einige Verwandte wurden von Taliban-Kämpfern ermordet. In Freiburg muss er seine Tochter Sara täglich zum Arzt begleiten, denn sie leidet an einer neurologischen Erkrankung. Ansonsten heißt es für die Familie: warten. Bislang erhielten die Gaznawis nicht einmal Gelegenheit, einen Asylantrag zu stellen. „Ich weiß nicht, wie lange das noch dauern soll“, empört sich der 50-Jährige. „Eine Woche, einen Monat, ein Jahr?“ Die deutsche Regierung, findet er, habe sein Land aus den Augen verloren. Ständig sei Syrien in den Schlagzeilen, während in Afghanistan bereits seit vierzig Jahren Krieg herrsche. „Ich hatte zuhause ein gutes Leben, habe im Büro des Gouverneurs von Ghazni gearbeitet, hatte ein Haus und ein Auto.“ Eine Zukunft in seiner Heimat? Nein, die könne er sich beim besten Willen nicht vorstellen, sagt er kopfschüttelnd. „Ich kann nicht mehr zurück, es ist dort viel zu gefährlich für uns.“

„Alles ist anders hier, alles!“

Auch Omran hat seinem Land den Rücken gekehrt. „Die Situation in Afghanistan ist nicht gut“, bemerkt der 16-Jährige knapp. Seinen dunklen, aufmerksamen Augen ist anzumerken, dass er sich auf die Fragen des Reporters konzentriert, und er gibt gerne Auskunft. Über seine genauen Fluchtgründe möchte er allerdings nicht sprechen. Als er gefragt wird, woran er sich in Deutschland am ehesten gewöhnen müsse, überlegt er kurz und muss dann lachen: „Alles ist anders hier, alles!“ Omran floh im Dezember 2015 aus Kabul und kam über Heidelberg nach Freiburg.

Die Sonne steht tief am Himmel, der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. Die ersten Familien brechen wieder auf zum Mundenhof, zu den Zelten. Wie ihr Leben in einem Jahr aussehen wird, ist völlig ungewiss. Im April werden die Zelte abgebaut. Die Stadt hat den ersten Bewohnern bereits eine neue Unterkunft zugewiesen.

 

Labour-Linker Corbyn begeistert hunderte Anhänger in London

Jeremy Corbyn, überzeugter Sozialist und Gegner der Monarchie, ist der überraschende Favorit im Rennen um den Vorsitz der britischen Labour-Partei. Im Rathaus von Ealing im Westen Londons präsentierte er seine politischen Vorstellungen über die Zukunft der Partei – 400 Menschen hatten sich angemeldet, weitaus mehr waren gekommen.

18.08.2015  –  Jeremy Corbyn hat große Chancen, im September den Vorsitz der britischen Labour-Partei zu erlangen. Der bekennende Sozialist sprach gestern Abend im Rathaus von Ealing im Westen Londons vor rund 400 begeisterten Menschen, um seine Zukunftsvision für Labour zu präsentieren. Die Parlamentswahlen im vergangenen Mai habe die Partei deshalb verloren, weil sie als Alternative zu den regierenden Konservativen lediglich eine „Sparpolitik light“ angeboten habe: „Hätte man uns ins Amt gewählt, würden die Ärmsten in unserer Gesellschaft jetzt immer noch leiden“, sagte Corbyn, der in fast allen Meinungsumfragen weit vor seinen drei Herausforderern liegt.

Der seit 1983 für den Londoner Wahlkreis Nord-Islington im Unterhaus sitzende Abgeordnete kritisierte, Großbritannien habe aus der Finanzkrise nicht gelernt: „Wir überlassen die Banken genau denjenigen Leuten, die 2008 den Crash verursacht haben.“ Der Bevölkerung würden dabei immer weitere Sparmaßnahmen aufgebürdet, die Schwächsten im Land hätten am meisten darunter zu leiden. Die Alternative: „Ein Wirtschaftssystem, das allen Menschen dient.“

Corbyn verurteilte die momentan in der britischen Gesellschaft vorherrschende negative Stimmung, die sich gegen ethnische Minderheiten und Flüchtlinge ebenso richtet wie gegen vermeintliche „Sozialschmarotzer“. Eindringlich warnte er zudem vor der voranschreitenden Privatisierung des staatlichen Gesundheitsdienstes und plädierte dafür, Arbeits- und Ausbildungsplätze im produzierenden Gewerbe stärker zu fördern: „In Ländern wie Deutschland wird das als ganz normal erachtet, während man bei uns diesen Ansatz für linksradikal und gefährlich hält“, sagte Corbyn. Vehement sprach er sich für die Abschaffung von Studiengebühren aus, die seine eigene Partei 1999 erstmals eingeführt hatte – eine Politik, die er von Anfang an abgelehnt hatte: „Zehntausende können sich keine universitäre Ausbildung leisten, aber davon spricht nie jemand.“

Seine Kritik richtet sich vor allem an New Labour unter Ex-Premierminister Tony Blair, der zwar Wahlen gewonnen, aber einen erheblichen Teil der linken Kernwählerschaft verprellt hat. Der frische Wind, der nun durch die Kandidatur Corbyns weht, spricht viele Gewerkschafts- und ehemalige Parteimitglieder an – auch in Ealing. Zahlreiche Interessierte mussten vor dem Gebäude ausharren, da die Veranstaltung restlos ausgebucht war; allerdings sprach Corbyn, bevor er das Rathaus betrat, spontan auch vor ihnen. Viele junge Leute waren gekommen, Studenten und Familienväter ebenso wie ältere Menschen.

Eine pensionierte Gewerkschaftsaktivistin, die anonym bleiben wollte, brachte die Stimmung auf den Punkt: „Corbyn sagt, was er denkt, das machen die anderen Politiker schon lange nicht mehr.“ Sie vermisse eine demokratische Debatte innerhalb der Partei und sei daher begeistert von der Authentizität des 66-Jährigen. Vor langer Zeit sei sie einmal Labour-Mitglied gewesen, dann aus Enttäuschung ausgetreten – falls Corbyn gewinnt, will sie wieder mitmachen.

 

Museumsnächte in weißem Polyestersatin

8500 Besucherinnen und Besucher waren am Wochenende bei den Museumsnächten mit dabei.

8500 Besucherinnen und Besucher sind am Wochenende zu den „Museumsnächten“ gekommen – damit waren die Kapazitätsgrenzen erreicht. „Wir sind sehr zufrieden mit den Besucherzahlen“, resümiert Tilmann von Stockhausen, der leitende Direktor der Städtischen Museen. Publikumshit war – erwartungsgemäß – das Augustinermuseum.

„Bello, bello e impossibile“ schallt es aus den Lautsprechern. Ja, hübsch sind sie wirklich, die gut gekleideten und frisierten Römerinnen – aber unmöglich, impossibile, scheint an diesem Abend im historischen Treppenhaus kaum etwas. Denn nur äußerst selten kommt man im Colombischlössle in den Genuss italienischer Rockmusik. Am Samstagabend, beim 16. Fest der Innenhöfe und bei den Museumsnächten, wird eine Ausnahme gemacht. Auf der Galerie im ersten Stock drängen sich die Besucher. Goldene Lorbeerkränze und Efeublätter schmücken die hochgesteckten Frisuren der jungen Damen. Die einen tragen eher schlichte Tuniken aus Baumwolle, andere präsentieren elegante Kleider aus feinstem Polyestersatin.

„Römische Moderne“, eine Modenschau der ungewöhnlichen Art, hat Premiere. 25 Studentinnen der Pädagogischen Hochschule haben für die Museumsnächte etwas Besonderes gewagt: Angeregt durch die Ausstellung „Kleider machen Römer und Römerinnen“ im Archäologischen Museum Colombischlössle haben sie die römische Mode neu interpretiert und für das Jahr 2010 in ein zeitgemäßes Gewand verpackt. „Im alten Rom bevorzugten die Frauen lockere Kleidung“, erklärt Reyhan Toklu. Die 23-Jährige trägt eine bodenlange Tunika, elegant verziert mit goldenen Pailletten.

„Warum unsere Ausstellungsobjekte nicht einmal auf neue Art und Weise präsentieren?“, dachte sich Helena Pastor, die Direktorin des Archäologischen Museums, und sprach im Frühjahr dieses Jahres Elke Storz an, Dozentin für Haushalt und Textil an der Pädagogischen Hochschule. Storz war begeistert, ihre Studentinnen ebenso. Im Anschluss an die Modenschau führt Beate Grimmer-Dehn, die stellvertretende Leiterin des Museums, durch die Ausstellung. Die interessierten Besucher erfahren, dass das würdevolle, bedächtige Auftreten der Menschen im alten Rom viel mit dem typischen Faltenwurf der Kleidung zu tun hat: „Wenn Sie eine Toga tragen, dann bewegen Sie sich vorsichtiger als normalerweise“, erklärt Grimmer-Dehn und fügt warnend hinzu: „Beachten Sie diese Regel nicht, haben Sie schnell ein paar Meter Stoff zu Ihren Füßen liegen.“

Nicht nur im Colombischlössle ist an diesem Abend viel los. Auch im Augustinermuseum drängen sich zahlreiche Besucher. „Das ist ja fast schon zu viel des Guten“, bemerkt der leitende Direktor der städtischen Museen Tilmann von Stockhausen, während er seinem Publikum die Höhepunkte des im Frühjahr neu eröffneten Museums präsentiert. Höhepunkt des Abends ist für viele das traditionelle Mitternachtskonzert auf dem Welte-Mignon-Reproduktionsflügel, das in diesem Jahr zum ersten Mal im Dachgeschoss des Augustinermuseums stattfindet. Die bereitgestellten Stühle reichen nur für einen Teil des Publikums, die restlichen Besucher machen es sich einfach auf dem Boden gemütlich.

 

Erstmals erschienen in der Badischen Zeitung am 26.07.2010: www.badische-zeitung.de

Mini-Außenstelle der Arbeitsagentur direkt an der Uni

Seit April können sich Uni-Absolventen im Service-Center Studium bei der Stellensuche beraten und Jobs vermitteln lassen.

„Wonach suche ich eigentlich genau?“ Jelena Bindemann musste sich eingestehen, dass sie diese Frage nicht zufriedenstellend beantworten konnte. Vor zwei Monaten wandte sie sich deshalb erstmals an die Arbeitsvermittlerin Christel Lampe-Heinzinger aus dem Hochschulteam der Agentur für Arbeit. „Etwas mutlos bin ich da reingegangen“, erinnert sich Bindemann, die im Februar ihr Soziologie- und Betriebswirtschaftslehre-Studium an der Uni Freiburg abgeschlossen hat. Drei Monate hatte Bindemann vergeblich nach einem Job gesucht. Der erste Frust machte sich breit.

Das Gespräch mit Lampe-Heinzinger hat der 26-Jährigen einen Motivationsschub gegeben. „Sie hat anhand meines Lebenslaufs schnell erkannt, für welche Stellen ich mich bewerben kann“, sagt Bindemann. Ein klar definiertes Arbeitsfeld, so die frisch gebackene Absolventin, gebe es für Soziologen nicht. In der Marktforschung würde sie gerne arbeiten, eventuell auch im Personalbereich. Eine entsprechende Stelle hat sie noch nicht gefunden. Dass sie sich aber durchaus auch als Ansprechpartnerin für „Gender und Diversity“ eignet, darauf ist sie erst im Beratungsgespräch mit Lampe-Heinzinger gekommen. Eine Hochschule in Südbaden sucht derzeit einen wissenschaftlichen Mitarbeiter für Gleichstellungsfragen. Bindemann schickte ihre Bewerbung dorthin – und wurde prompt zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Seit April, pünktlich zum Beginn des Sommersemesters 2010, können sich Absolventen der Uni Freiburg im neu konzipierten Service-Center Studium konkrete Stellen vermitteln lassen. Anmelden muss sich niemand, es herrscht das Prinzip der offenen Sprechstunde. Die Stellenvermittlung ist ein Kooperationsprojekt der Universität und der Agentur für Arbeit. Ziel ist es, Absolventen einen möglichst schnellen Übergang in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. „Sowohl die Universität als auch wir möchten mit dem Angebot auf die Studierenden zugehen und sie dort abholen, wo sie stehen“, erklärt Christel Lampe-Heinzinger.

Die Bewerbung muss passen – sonst ist die Sache Zeitverschwendung

Selbstverständlich ist das nicht. Das Career-Center gibt es zwar seit 2001, aber dort konnte man sich bislang nur allgemein über Chancen auf dem Arbeitsmarkt beraten lassen. Wer etwa einen Überblick über akademische Berufsfelder möchte oder Hilfe bei der Zusammenstellung der Bewerbungsunterlagen benötigt, ist in der herkömmlichen Berufsberatung genau richtig. Immer mehr Absolventen wünschen sich jedoch Hilfestellung bei der Suche nach konkreten Stellen.

„Wer sich für Jobs bewirbt, auf die er oder sie nur ungefähr passt, verschwendet Zeit“, stellt die 50-jährige Arbeitsvermittlerin nüchtern fest. „Ein Personalchef wird Sie kaum kennen lernen wollen, wenn Sie von zehn Kriterien nur fünf erfüllen.“ Bei der Jobsuche müsse die Maxime „Qualität vor Quantität“ gelten: „Wenn Sie drei Bewerbungen auf passgenaue Stellen schreiben, macht das mehr Sinn als einhundert nach dem Gießkannenprinzip.“

Noch rennen der studierten Psychologin die Hochschulabsolventen nicht die Türe ein, aber Lampe-Heinzinger ist zuversichtlich, dass sich das ändert. „Im Moment läuft die heiße Prüfungsphase, und die heißen Temperaturen tun ein Übriges“, gibt sie zu bedenken. Außerdem müsse sich das Angebot erst noch herumsprechen. In den kommenden Wochen startet das Service-Center eine entsprechende Werbekampagne.

 

Erstmals erschienen in der Badischen Zeitung am 15.07.2010: www.badische-zeitung.de

Freiheitsverlust, Freiheitsgewinn …

… Migrantinnen und Frauen aus der DDR erinnern sich. Nicht wenige Frauen in Berlin haben eine turbulente Biografie. Einige mussten durch Flucht oder Migration ihr gewohntes Lebensumfeld im Herkunftsland hinter sich lassen und in Deutschland noch einmal ganz von vorne beginnen. Andere sind in der DDR groß geworden und hatten es schwer, sich nach der Wende neu zu orientieren. In Berlin sprachen einige von ihnen in einer Podiumsdiskussion über ihre Erfahrungen.

„Eine Türkin mit bayerischem Akzent? Das war den Berlinern natürlich erstmal ziemlich suspekt“, erinnert sich Idil Lacin. „In der Bäckerei habe ich anfangs immer noch Semmeln bestellt, da musste ich ja unangenehm auffallen!“ Mit viel Witz und Ironie erzählt die Mittsechzigerin über ihre Erfahrungen als Deutsch-Türkin in Berlin. Sie kennt die Stadt besser als viele gebürtige Deutsche, die aus der schwäbischen oder ostwestfälischen Provinz in den achtziger Jahren als Studenten nach West-Berlin kamen. Denn: Lacin lebt bereits seit 1963 in der Stadt. Kurz nach dem Bau der Mauer entschieden sie und ihr Mann, den sie während ihrer „Zwischenstation“ in München kennen gelernt hatte, nach Berlin umzuziehen. Die Sozialpädagogin hat also eine Stadt erlebt, die die junge Generation allenfalls noch aus blassen Erinnerungen, zumeist jedoch nur aus Büchern und Fernsehdokumentationen kennt. Nach 45 Jahren kann sie heute sagen, dass sie angekommen ist, dass sie sich hier „zu Hause“ fühlt.

Das war nicht immer so. Die Integration in der „grauen Stadt“, wie sie Berlin nach ihrem Umzug empfand, fiel ihr nicht leicht. Viele Einheimische hätten ihr kaum zugetraut, dass sie überhaupt mit Messer und Gabel essen kann, formuliert Lacin ihr Gefühl in leicht ironischer Art: „Viele dachten, wir müssten erst sozialisiert werden – das hat mich sehr gestört“. Nach der Wende konnte sie sich daher gut in die Ostdeutschen hineinversetzen, die genervt waren von der ständigen Bevormundung und Vereinnahmung durch die „Besserwessis“.

Große biografische Brüche

Lacin ist eine von sechs Podiumsgästen, die am 12. März im Interkulturellen Frauenzentrum S.U.S.I. in Berlin über ihre Erfahrungen berichteten, entweder als Migrantinnen, oder als gebürtige DDR-Frauen. Sie alle haben eines gemeinsam: Durch Migration, Flucht oder auch das Ende der DDR haben sie große biografische und gesellschaftliche Brüche erfahren, haben ihre Heimat, ihre kulturellen Hintergründe verloren und sich an neue Situationen und Umstände anpassen müssen. Einige von ihnen haben schwere persönliche Verluste erlitten, aber alle haben durch die erzwungene oder selbst gewählte Veränderung auch etwas gewonnen.

Glück hatte zum Beispiel die zierliche 73-jährige María Gonzáles Cabezas. Wäre die Geschichte in ihrem Heimatland Chile anders verlaufen, wäre sie sicherlich heute noch dort. Aber sie hatte keine Wahl. Als Oppositionelle wurde sie nach der Machtübernahme Pinochets 1973 ins Gefängnis gesperrt, einen Prozess gab es nicht. Nach einem Jahr und zwei Monaten folgte die Ausweisung in die DDR. Cabezas landete mit ihrer sechsjährigen Tochter und zwei Koffern in Berlin-Schönefeld. Zunächst wohnten sie gemeinsam mit 30 anderen Chilenen übergangsweise in einem Schloss in Thüringen, anschließend wurde sie von der DDR nach Potsdam zugeteilt, wo sie zunächst im Blutspendedienst arbeitete. Doch die gelernte Biomathematikerin hatte Größeres vor: Sie lernte Deutsch, schrieb eine wissenschaftliche Abhandlung über die mathematisch-statistische Methode beim Blutspendewesen und wurde schließlich Assistentin an der Humboldt-Universität. 1986 zog sie nach Berlin. Nach Chile ist sie das erste Mal einige Jahre nach der Wende zurückgekehrt – allerdings nur als Besucherin. Eine dauerhafte Rückkehr in ihr Herkunftsland kann sie sich finanziell schlichtweg nicht leisten.

Gemischte Gefühle beim Mauerfall

Eine ähnlich turbulente Biografie hat Nasrin Bassiri. Die Exil-Iranerin arbeitet als Frauenbeauftragte an der Kunsthochschule in Berlin-Weissensee, bis 2008 moderierte die promovierte Politologin und Journalistin zudem bei Radio Multikulti. Im Iran wurde sie politisch verfolgt, zu zehn Monaten Haft verurteilt und anschließend ausgewiesen. Seither war sie nie wieder dort. Wenn sie auf die letzten vierzehn Jahre in Deutschland zurückblickt, kann sie heute durchaus sagen, dass sie sich hier heimisch fühlt. Ihre politischen Aktivitäten setzte sie von Berlin aus fort und besetzte zum Beispiel die iranische Botschaft, um auf die politische Situation in ihrem Herkunftsland aufmerksam zu machen. Interessanterweise, so erzählt sie, fühle sie sich im Ostteil Berlins viel wohler als im Westen: „Ich weiß nicht, woran das liegt, aber ich komme mit den Menschen besser klar“.

Die Wahl zwischen Ost und West hatte Tina Frenzel lange Zeit nicht. Aber die Stadtplanerin aus der Sowjetunion fand sich gut zurecht, nachdem sie sich für ein Leben in der DDR entschieden hatte. Mit den politischen Gegebenheiten arrangierte sie sich, so gut es eben ging. So zieht sie auch eine zweigeteilte Bilanz zur Wende. Die Einheit habe den Menschen Demokratie, Reisefreiheit, freie Wahlen, Presse- und Meinungsfreiheit, ein Überangebot an Waren beschert. Für viele habe diese Freiheit jedoch einen bitteren Nachgeschmack: „Das sind diejenigen Leute, die nach dem Mauerfall arbeitslos geworden sind, die haben ihre soziale Sicherheit von einem Tag auf den anderen verloren“, resümiert Frenzel. Am Tag des Mauerfalls habe sie, „ehrlich gesagt, gemischte Gefühle gehabt“; neben der Freude standen auch Zweifel und Ängste im Raum: Was kommt jetzt?

Dankbar für die Freiheiten der Demokratie

Durchweg positive Erinnerungen an 1989 hat die Sozialwissenschaftlerin Heike Radvan. Es wird deutlich, wie sehr sich beim Thema Wende die Perspektiven der verschiedenen Generationen unterscheiden. Radvan war fünfzehn, als ihr durch den Zusammenbruch der DDR die Welt zu Füßen lag, wie sie sich lebhaft erinnert: „Mir standen plötzlich Möglichkeiten offen, die zuvor schier unerreichbar schienen“. Während der Schulzeit, so die von der Ostseeinsel Rügen stammende Radvan, habe sie ständig einen enormen Druck verspürt: „Wir sollten uns schon als Kinder darauf festlegen, welchen Beruf wir später ergreifen wollten, und ich hatte immer Panik davor, 40 Jahre lang das Gleiche tun zu müssen.“ Ihre Lehre als Schaffnerin brach sie nach der Wende ab, um ihr Abitur nachzuholen, danach ging sie für ein Jahr in die USA, das Land, das kurz zuvor als Klassenfeind Nr. 1 galt und weiter entfernt erschien als der Mond. „Dass ich mehrere Berufe ausprobieren und mir bei der Perönlichkeitsfindung etwas Zeit lassen konnte, auch das verbinde ich mit Demokratie, und dafür bin ich sehr dankbar“, erzählt Radvan weiter. Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, sowohl mit dem Nationalsozialismus als auch mit der DDR, gehört für die Mitarbeiterin der Amadeu Antonio Stiftung ebenfalls zu den Pluspunkten der wiedergewonnen Freiheit.

Auch wenn ihre Biografie sich sehr von der Radvans unterscheidet – Idil Lacin, die Deutsch-Türkin mit bayerischem Akzent, ist ähnlich dankbar für die Freiheiten, die sie im wiedervereinten Deutschland genießt. Aus dem anfänglichen Ohnmachtsgefühl heraus, von den Deutschen immer nur als „die Türkin“ wahrgenommen zu werden, hat sie mit den Jahren ihre eigenen Stärken entwickelt. Wenn sie heute ab und zu in ihre alte Heimatstadt Istanbul fährt, um Verwandte zu besuchen, fällt ihr auf, wie sehr sich ihr Horizont durch das Leben in Berlin erweitert hat. Sie sei weltoffen geworden, sagt sie: „In der Türkei wäre ich doch nur mit bestimmten Bevölkerungsschichten in Kontakt gekommen, aber in Berlin lerne ich Menschen aus allen Schichten kennen, und das gefällt mir“.

 

Erstmals erschienen im März 2009:
http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/2009/freiheitsverlust-freiheitsgewinn-1/